Eine Geschichte der kurzen Zeit

Sebastian Benz
Als ich vor zwei Jahren als ehemaliger Angehöriger einer nordrhein-westfälischen Schule den Boden des Westerwald-Gymnasiums betrat, tat ich dies in der Hoffnung auf eine Ausbildung, die ihresgleichen sucht, da die rheinland-pfälzischen Schulen den Standard ihres Nachbarlandes bei weitem übertreffen sollen. Somit wählte ich meine Leistungskurse (hier sind es 3! statt 2) in der alten Konfiguration der 11.2 + Deutsch, einer davon Mathematik. Meine mathematische Vorbildung, zugegebenermaßen nicht allumfassend, reichte immerhin aus, um zu verstehen, dass der Mathematik-LK viel mit "Denken" zu tun haben musste, einer Tätigkeit, die selbst mir von Zeit zu Zeit Spaß machen kann.

Der erste Tag am Westerwald-Gymnasium nahte also heran und ich betrat die Schule voller Vorurteile gegen Lehrer aller Art. Nun galt es, sich von der Integrität dieser Personen zu überzeugen. Ich erfuhr also am ersten Tag die Namen der Lehrer, von denen einer meine ganze Aufmerksamkeit erregte. "Nomen est Omen" dachte ich mir, als ich den Namen des Lehrkörpers in der Lieste unter Mathematik fand, doch schon bei der Nummer des Raumes, in dem der Unterricht stattfinden sollte beschlichen mich leichte Zweifel - 101. Dem aufmerksamen Leser von George Orwells "1984" wird aufgefallen sein, dass in einem Zimmer dieser Nummer Menschen der schlimmsten vorstellbaren Folter unterzogen wurden. Doch wie gesagt, waren meine Zweifel zu diesem Zeitpunkt eher harmloser Natur, da ich normalerweise nicht an Vorsehungen dieser Art glaube.

Am Tag, an dem die erste Stunde des Mathe-LK beginnen sollte, wurde in den ersten Minuten meine alte Überzeugung in dieser Richtung für immer zerschlagen.

Es betrat eine Frau den besagten Raum (der auf den ersten Blick gar nicht so unsympatisch erschien), von der ich zuerst glaubte, das müsste die sein, die meine mathematische Bildung in den nächsten zwei Jahren in ungeahnte Höhen schrauben würde. "Weit gefehlt!" wurde mir klar, als die Frau die ersten Worte von sich gab und begann, Kindergartenweisheiten zu verkünden, die bei mir eine dauerhafte Aufstellung der Nackenhaare verursachten.

Ich möchte hier keine detaillierte Darstellung eines Alptraumes geben, der wahr geworden ist und auch nicht einen Menschen der absoluten Unfähigkeit beschuldigen, aber spätestens bei der Erklärung des Induktionsbeweises kamen mir ernsthafte Zweifel am Verstand des Lehrkörpers. Selbst einem promovierten Mathematiker würde es schwerfallen, aus dieser Erklärung die Vorgehensweise bei der Durchführung eines solchen Beweises, der uns als einer der schwersten in der Mathematik überhaupt vorgestellt wurde, herauszulesen. Doch abgesehen von mangelndem Erklärungsvermögen, haarsträubender Notengebung und gelegentlicher Diskriminierung der SChüler lief der Unterricht derart harmonisch ab, dass Schüler wie Eltern begeisterte Danksagungen und Liebesbriefe an Schuldirektion und Bezirksregierung schickten. Aufmerksam geworden von soviel Zuneigung zu einem Lehrkörper kam uns dann nach circa einem halben Jahr jemand besuchen um zu überprüfen, ob der Lehrer einen Preis für seine Mühen erhalten sollte. Auch die Aktionen unsererseits, den Lehrkörper entsprechend zu honirieren, scheiterten bis zum Ende der 12, obwohl immer wieder Gerüchte im Umlauf waren.

Nach den Ferien wurde sodann die Belohnung des Lehrers bekanntgegeben - es wurde ihm gestattet, Erziehungsurlaub einzureichen, eine Nachricht, die uns völlig aus der Fassung brachte. Sollten wir wirklich auf Kartenspiel, autodidaktisches Lernen (EVA) und gemütliches mathematisches Gespräch in Kleingruppen verzichten? Sollten wir, die wir das Denken im Mathematikunterricht schon fast verlernt hatten, wirklich gezwungen werden unseren Lernprozeß von zuhause auf die Schule zu verlagern, um zwei Jahre Mathematik in einem Dreivierteljahr nachzuholen? Das Unmögliche wurde wahr...